Zugangswege

Geistliche Leiter haben häufig nur ein einziges Standardmodell für gelebte Spiritualität. In den meisten Fällen ist dann dieses Modell ganz genau einfach nur ihr ganz eigener geistlicher Zugangsweg, der für sie funktioniert.

Der Fehler dabei besteht darin, dieses Modell zu projizieren und völlig unreflektiert auf andere zu übertragen. Getreu dem Motto: Wenn es bei mir funktioniert hat, dann wird es das auch bei Dir!

Übersehen wird hierbei, dass es eben ganz verschiedene Zugangswege zu Gott gibt. Die Tatsache, dass mich der eine Weg geistlich wachsen lässt, heißt noch lange nicht, dass dieser Zugangsweg auch bei einem anderen für geistliche Fortschritte sorgt.

Tragischerweise wird dann, wenn es beim anderen eben nicht funktioniert – als sei das nicht schon schlimm genug – auch noch die Schuld bei dieser Person gesucht.

Dallas Williard, Autor zahlreicher Bücher zum Thema geistliches Wachstum, sagte einmal: „Falsch verstandene oder praktizierte Spiritualität ist eine der Hauptursachen für menschliche Qualen und Rebellion gegen Gott.“ 

Christen kehren Gemeinde und Glauben den Rücken. Natürlich aus ganz unterschiedlichen Gründen. Aber Nachfolger Jesu verlassen den Weg des Wachstums auch deshalb, weil sie ein unzureichendes Verständnis über ihren eigenen Zugangsweg haben. Sie sind auf einem Weg, der ihnen nicht entspricht, und dementsprechend fehlt es ihnen an Erfahrungen oder dem Gefühl vorwärts zu kommen. Folglich kommen sie auf den Gedanken, dass sie schlechte Christen sind oder dass der Glaube oder die Nachfolge einfach nicht ihre Sache ist.

Das Problem ist manchmal einfach nur, dass diese Leute auf einem Weg gewesen waren, der einfach nicht ihr Zugangsweg ist.

Denn während die einen ihr stärkstes geistliches Wachstum und ihre tiefsten biblischen Einsichten z.B. in einer Gruppe und im Dialog erhalten, kommen andere vor allem dann vorwärts, wenn sie die Bibel ganz allein studieren – umgeben von einem Dutzend geistlich anspruchsvoller Bücher.

Aufbauend auf der Wachstumsformel

Die unterschiedlichen Zugangswege ersetzen nun nicht die von mir beschriebene Wachstumsformel, also die Notwendigkeit von Bibellesen und Mentoring, wie man jetzt fälschlicherweise vielleicht denken könnte.

Die verschiedenen Zugangswege bauen vielmehr auf diesen beiden Faktoren auf. Man könnte auch sagen, dass Bibel und Mentoring den Rahmen für diese Zugangswege schaffen oder auch der Nährboden für die unterschiedlichen Formen von Spiritualität sind.

Verschiedene Modelle

Wenn es um Zugangswege geht – man könnte auch von geistlichen Stilen oder geistlichen Antennen sprechen, dann finden sich hier in der Literatur verschiedene Modelle.

Es gibt z.B. die „9 Wege, Gott zu lieben“ von Gary Thomas, oder die „9 geistlichen Stile“ von Christian Schwarz und wahrscheinlich viele weitere.

Ein ebenfalls sehr weit verbreitetes Model ist das von den 7 Zugangswegen, die soweit ich weiß, von Bill Hybels entwickelt wurden. Genau dieses Modell liegt meinen weiteren Ausführungen hier zugrunde.

Keines dieser Modelle, das will ich noch mal sagen, ist in dem Sinne biblisch, als das sich Bibelstellen fänden, die diese 9 oder 7 Stile auflisten. Aber sie basieren meist auf Bibelstellen oder biblischen Persönlichkeiten und scheinen sich herauslösen und in systematisierter Form wie folgt darlegen zu lassen.

Die 7 Zugangswege

Jetzt also die 7 Zugangswege entsprechend dem Modell von Bill Hybels.

1. Beziehungsorientiert (Weg über Beziehungen)
Der erste Zugangsweg zu Gott ist der beziehungsorientierte Weg. Menschen mit einem beziehungsorientierten Zugang leuchtet das Wort Jesu „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ sofort und unmittelbar auf und ein.

Ihr Leben ist voll von Freundschaften und Bekanntschaften und egal ob zuhause, in der Nachbarschaft, im Bus oder am Arbeitsplatz – überall sind diese Menschen in nullkommanix in ein Gespräch vertieft. Wenn du ein solch beziehungsorientierter Typ bist, dann begegnest du Gott in der Gemeinschaft mit andern Christen. 

Dieser Typ sagt: „Ich würde mich am liebsten (so wie die Urgemeinde) jeden Tag mit irgendwelchen Leuten treffen, mit ihnen beten und in der Bibel lesen. 

Apg. 2:46 ist der Vers eines oder einer Beziehungsorientierten: Täglich kamen sie im Tempel zusammen und feierten in den Häusern das Abendmahl. In großer Freude und mit aufrichtigem Herzen traf sie sich zu gemeinsamen Mahlzeiten.

Dieser Typ ist Kleingruppenfan: „Die Kleingruppe, sagt dieser Typ, gibt mir so viel, weil ich da einfach mal erzählen kann, wie es mir geht, weil ich dort durch meine Leute wieder neu auftanken kann.“ Dieser Typ kann sich allein oft nicht aufraffen zum Beten oder Bibellesen. Aber wenn er sich dann mit Susanne, Katja oder Kurt zum Beten trifft, geht die Post ab.

Wenn du so einen beziehungsorientierten Zugangsweg zu Gott hast, dann suche dir eine Hauskirche oder einen Gebetspartner, mit denen du gemeinsam die Bibel lesen, gemeinsam beten oder gemeinsam die Fragen des Glaubens diskutieren kannst. 

2. Intellektuell (Weg über den Verstand)
Ein zweiter Zugangsweg zu Gott ist der intellektuelle Weg. Menschen mit einem intellektuellen Zugang zu Gott wachsen dann am Besten, wenn sie etwas über Gott lernen.

Sie lieben es, die Bibel zu lesen und eine Buchhandlung für geistliche Bücher wirkt auf diese Menschen exakt so verlockend, wie für manche Frauen ein Laden voller Schuhe.

Menschen mit einem intellektuellen Zugang zu Gott freuen sich in einem Gottesdienst vor allem auf die Predigt.

Wer gute geistliche Bücher mit Vorliebe verschlingt, der hat meist diesen intellektuellen Zugangsweg zu Gott. Die Juden in Beröa sind ein Beispiel für diesen Typos . Sie haben nicht einfach geschluckt, was Paulus gesagt hat – sie haben alles nachgeprüft.
Apg. 17:11: Die Juden in Beröa waren bereit, Gottes Wort anzunehmen. Sie hörten sich aufmerksam an, was Paulus und Silas lehrten, wobei sie täglich nachforschten, ob dies mit der Heiligen Schrift übereinstimmt. 

3. Dienend (Weg über unser Tun)
Ein dritter Zugangsweg ist der dienende Weg. Menschen mit diesem geistlichen Zugang gedeihen oder blühen dann auf, wenn sie anderen Menschen helfen können.

Jesus hat mal gesagt: „Was Ihr einem meiner geringsten Brüder oder Schwestern getan habt, das habt Ihr mir getan!“ – genau das erleben diese Menschen.

Hier will ich einfach nur an Mutter Teresa erinnern, die häufig davon sprach, sich Gott am nächsten zu fühlen, wenn sie den Armen diente. Sie sagte über diesen geistlichen Dienst einst: „Wir tun es mit Jesus, für Jesus, (und) an Jesus!“ 

Wenn du diesen Zugangsweg zu Gott hast, dann schaue, wie oder wo du dich konkret für die Armen und Benachteiligten einsetzen kannst. Und wenn du das tust, und dich hierin von Gott leiten lässt, – dann wird Gott dich segnen. Dann wird er dich wachsen lassen und dein Glaube wird durch den Dienst reifen und stark werden. 

4. Kontemplativ (Der Weg der Meditation)
Ein vierter Weg ist die Kontemplation oder die Meditation. Diesen Weg der Gottesbegegnung und des Wachstums nehmen oft Menschen, die in sich gekehrt , die ruhig und die eher phlegmatisch veranlagt sind.

Wenn du ein kontemplativer Typ bist, dann magst du es, allein zu sein und Zeit für dich zu haben. Möglich, dass deine Eltern früher öfter mal gesagt haben: „Ach Kind, geh doch mal raus und spiel mit den anderen!“

Diese Typen sind die Marias unter uns, die zu den Füßen Jesu sitzen und ihm einfach nur zuhören. Sie sind fasziniert von den christlichen Mystikern wie Niklaus von Floe oder Meister Eckhard und beten leidenschaftliche gerne das Jesus, bzw. das Herzensgebet. 

5. Aktivistisch (Der Weg der Aktion)
Jetzt kommen die Kämpfer. Menschen, die nie still sitzen können. Der 5. Weg ist der Weg der Aktion.

Wenn eine Arbeit angefangen wird, dann sind sie die ersten, die mit dabei sind. Wenn etwas in Bewegung gesetzt wird, dann sie die ersten, die anschieben. Sie müssen immer in Aktion sein. Sie bewegen viel und halten vieles am Laufen. Sie müssen immer bis über alle Ohren in der Arbeit stecken. Dann sind sie Gott am nächsten und dann wachsen sie.

Im Unterschied zum dienenden Weg, der doch ziemlich ähnlich ist, steht beim aktivistischen Zugang mehr die Aufgabe als der andere Mensch im Fokus.

Paulus war auch einer von diesen Aktivisten. Er gründete innerhalb von wenigen Jahren zig Gemeinden in verschiedensten Ländern. Immer war er in Bewegung – immer wollte er weiter. Menschen, die so veranlagt sind, werden kaum 1,5 Stunden versunken in Gebet und Bibellesen verbringen. Aber das muss auch nicht sein. Solche Menschen brauchen Herausforderungen, die größer sind, als sie selbst. Sie brauchen Glaubensprojekte. Dann werden sie wachsen, dann werden sie reifen und immer wieder die Nähe Gottes suchen.

6. Schöpfungsorientiert (Der Weg über die Schöpfung)
Ein sechster Weg ist der schöpfungsorientierte.  „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ – so heißt es in Psalm 19. Und genau das erleben Menschen mit einem schöpfungsorientierten Zugang zu Gott.

Egal ob das ein Sonnenaufgang ist, ein herabfallendes Herbstblatt oder der Panoramablick vom Gipfel eines Berges: draußen in der Natur spüren diese Menschen etwas von der Gegenwart, Größe und Schönheit Gottes. Die Natur öffnet diese Menschen für Gottes Reden.

Irgendjemand hat die Natur denn auch mal als „Manuskript Gottes“ bezeichnet. Wenn Du ein Mensch mit diesem schöpfungsorientierten Zugang zu Gott bist, dann sehnst Du Dich danach, Dich möglichst oft und lange in der Natur aufzuhalten.

Hier kannst du dann auch Besten beten und hier liest Du dann auch am Liebsten oder überhaupt deine Bibel. Und in der freien Natur kriegst Du auch immer wieder Einsichten in das Wesen und Handeln Gottes.

7. Anbetung in Musik und Gesang (Der Weg über die Musik)
Ein letzter Zugangsweg ist der Weg über die Musik. Jeder von uns kennt das, dass er durch ein Lied ganz besonders angesprochen und erbaut wird. Wenn du aber immer wieder von Gott durch Lieder angesprochen wirst, dann ist das dein Zugangsweg zu Gott.

Das war vermutlich auch der Zugangsweg von König David. Er errichtete eigens einen Ort neben der obligatorischen Stiftshütte, um Gott anzubeten – die Hütte Davids. David war letztlich ein „Singer und Songwriter“ seiner Zeit und viele der 150 Psalmen sind Lieder von ihm.

Welcher Typ bist du? 
Das ist die Frage!
Welchen Weg musst du beschreiten, um Gott zu begegnen?
Auf welchem Weg erlebst du Erbauung, Ermutigung und Trost?
Was muss neben oder aufbauend auf Bibel & Mentoring für dich gegeben sein, um geistlich zu wachsen?

Um das herauszufinden, kann man oder sollte man einfach auch mal mit allen Stilen experimentieren.
Ich z.B. habe immer gedacht, mein Weg sei so eine Mischung aus aktivistisch und intellektuell. Erst durch das Ausprobieren habe ich entdeckt, dass ich auch einen kontemplativen Zugangsweg zu Gott habe. Und heute bete ich das Herzensgebet, praktiziere die Lectio Divina u.ä. Also ruhig mal was Neues ausprobieren.

In der Praxis ist man übrigens oft ein Mischtyp. Von daher gibt es nicht nur diese 7 Zugangsformen, sondern durch die unterschiedlichsten Varianten entstehen eine Vielzahl unterschiedlichster Formen.

Wer genau wissen möchte, was für ein Typ er ist, kann hierzu einen Test machen, den man sich hier gerne kostenlos herunterladen und auch vervielfältigen kann. http://wachstumskatalysator.de/links/